Tageslektüre

wechselnde kurzgeschichten zum Hier-Lesen


Laut Kalender haben wir ja Winter, auch wenn es derzeit zumindest bei uns nicht sehr danach aussieht. Aber wer weiß - vielleicht kommt der Schnee doch noch und überrascht uns!
So wie meine beiden rasenden Reporter Justus und Achim.

Was den Titel betrifft, bin ich unschlüssig - Vom Himmel hoch oder doch lieber Unheimliche Begegnung?

 

Der Sprung in den Hyperraum war jedes Mal etwas Besonderes. Die Sterne vor dem Fenster dehnten sich dabei zu langgezogenen, hellen Strichen, die von einem gemeinsamen Radianten direkt vor dem Bug auszugehen schienen, und ab mit dem Schiff mit zigfacher Lichtgeschwindigkeit in die Unendlichkeit ...
Justus seufzte. Von solchen Abenteuern waren sie in ihrem geländegängigen Toyota leider gerade weit entfernt. Gut, die Schneeflocken zischten tatsächlich wie vorbeisausende Sterne über die Windschutzscheibe, aber bei diesem Schneegestöber war Tempo sechzig auf der gottverlassenen, nächtlichen Autobahn auch schon das Maximum an Geschwindigkeit.
»So langsam könnten sie mal hier räumen«, bemerkte Achim, sein Kollege auf dem Beifahrersitz.
»Vielleicht hat das bei denen noch keiner mitgekriegt, was da grad runterkommt. Für heute Nacht war ja noch gar kein Schneefall gemeldet.« Justus‘ Vertrauen in die Autobahnmeisterei hielt sich in Grenzen.
»Brauchen wir die Schneeketten?«
»Dann geht’s bloß noch langsamer voran.«
Achim nickte. »Hab auch kein‘ Bock, die aufzuziehen.«
»Sind ganz neue Reifen und außerdem Allrad. Wird schon schiefgehen.«
»Siehst du schon was?« Der Kollege duckte sich ein wenig, um in Richtung Himmel zu spähen, der jedoch höchstens zu erahnen war.
»Du meinst außer Schneeflocken?« Justus schnaubte angespannt. »Wir müssten eigentlich bald da sein. Lies nochmal vor, was Taylor geschrieben hat.«
Taylor ... der Zufall hatte ihn mit dem Reporter aus Texas zusammengeführt, als der letztes Jahr im Zuge einer Urlaubsreise ebenfalls ein Western-Festival hier in den Ausläufern des Schwarzwalds besuchte zwecks Berichterstattung im heimischen Lokalblatt. Sie hatten aber nicht nur ihren eher lausigen Job gemeinsam, sondern vor allem die Sehnsucht nach einer heißen Story und eine wahre Begeisterung für Science-fiction. Weshalb sie die Sache mit den Cowboys und Indianern nicht so recht ernst genommen hatten.
Achim kramte nach seinem Handy und fing an, darauf herumzuwischen.
»Ich hab dir die WhatsApp doch weitergeleitet.« Justus warf ihm einen skeptischen Blick zu.
»Jaja, da isse auch schon. Also ... er schreibt, hm hm bla so ein schnee haben wir nicht in TX ...«
»Das mit dem Skifahren kannst du überspringen.«
»Ah, hier kommt’s: ... haben wir die lichter gesehen ein bischen in der wald, hat wie verruckt geblinkt und so, und Sonja hat gesagt so wie aussieht geht die welt unter und das sind raumfahrzeuge ... Der schreibt echt lustig, dein Ami. Wer ist Sonja?«
»Seine Kusine, die er besucht. Hat letztes Jahr geheiratet und jetzt war Taufe ... ist ja auch egal. Für’n Ami ist sein Deutsch aber gar nicht schlecht! Was schreibt er noch?«
»Dass die Raumfahrzeuge in der Nähe der Autobahnanschlussstelle sind, das Waldstück vor der Raststätte. Weißt du wo ich meine?«
»Jaja. Da ist doch der Betriebshof.« Justus kniff die Augen zusammen, um besser durch das Schneetreiben sehen zu können.
»Mensch, UFOs, ich werd nicht mehr! Ist Taylor dann näher rangefahren? Ist sonst noch wer da? Ey, das wird voll die Story!« Auch Achim besaß ein Faible für das Genre.
»Hat sich nicht mehr gemeldet. Scheiß Funkloch. Ich denke schon, dass er da ist. Once in a lifetime! Ist aber auch niemand sonst unterwegs grad! Da kommen Außerirdische, und die Menschheit pennt!«
»Die haben aber auch Möglichkeiten, oder? So’n altmodisches Radar interessiert die doch gar nicht. Ist ja dann kein Wunder, dass hier nicht längst die Behörden aufgetaucht sind.«
»Was meinst du, was die Biggi sagt, wenn wir ihr Morgen früh den Knaller auf den Tisch hauen!« Biggi, die Chefredakteurin. Die würde Augen machen!
»Stop the press!«, frotzelte Achim, und die beiden Männer lachten voller Vorfreude, bevor sie wieder ernst wurden im Angesicht ihrer bedeutenden Mission.
Ein blaues Autobahnhinweisschild tauchte im Scheinwerferlicht auf. Die obere Hälfte sah aus, als hätte man sie mit reichlich Puderzucker bestäubt, aber die reflektierende Aufschrift war leidlich zu erkennen.
»Noch zwei Kilometer bis zur Raststätte«, las Achim vor. »Dann muss es gleich kommen. Glaubst du, wir sollten die Polizei verständigen? Ich meine – vielleicht sind die gefährlich?«
»Erst mal gucken. Dann können wir die immer noch rufen.«
»Und was ist dann mit dem Funkloch?«
»Ach so, Scheiße!«
»Früher ging ja wenigstens der Polizeifunk ...«
»Pfft, den hätten die Außerirdischen bestimmt längst lahmgelegt.«
Sie nickten in Übereinstimmung.
Achim fingerte nervös an seinem Kragen herum. »Was hältst du von der Schlagzeile – irgendwas mit Vom Himmel hoch ...«
»Nee, dann kannste gleich was mit Leise rieselt der Schnee bringen. Dafür ist die Sache zu groß!« Justus schüttelte den Kopf. »Ich geh mal davon aus, dass wir ins Fernsehen kommen. Und ins Time Magazine. Wir schreiben gerade Geschichte, Mann! Da muss schon ’ne geile Hook her!«
»Ob die Außerirdischen was mit dem Wintereinbruch zu tun haben? Ist doch nicht normal, wie schnell das jetzt ging!«
»Zuzutrauen wäre es ihnen.«
»Mach langsam, die Kurve!«
Justus hatte bereits den Fuß vom Gas genommen. Die Autobahn vollführte an dieser Stelle einen ausladenden Rechtsschwenk, hinter dem das besagte Waldstück lag. Bei diesen Witterungsverhältnissen konnte man bei Kurven nicht vorsichtig genug sein. Da half auch kein Allrad, wenn der Wagen zur Seite rutschte!
Die Anspannung der beiden stieg merklich, jetzt, da sie bald am Ziel waren und nur noch im Schneckentempo vorankamen.
»Ey, da drüben!« Aufgeregt wies Achim auf den Waldrand vor ihnen. Ein schwaches, pulsierendes Leuchten ging von ihm aus, sodass die Bäume an vorderster Front sich als Silhouetten abzeichneten.
»Oh, Mann!«, entfuhr es Justus. »Das gibt’s nicht, oder?«
»Da sind wirklich welche gelandet!«, kam es nicht minder aufgeregt von Achim.
Das Leuchten verstärkte sich. Gelbe und orangerote Farbfolgen malten bizarre Muster in die verschneite Landschaft.
»Da! Da!« Mehr brachte Achim nicht heraus.
Justus hielt die Luft an. Vor ihnen blitzten die Lichter in der Nacht und wurden von Abermilliarden Schneekristallen reflektiert. Geblendet von dem blinkenden Schauspiel erkannte er lediglich die dunklen Umrisse einiger großer Objekte, von denen die Lichterflut offenbar ausging. Da waren sie! Die Raumfahrzeuge! Taylor hatte sich nicht geirrt! »Oh mein Gott!«
Wie ferngesteuert hielt er auf sie zu. Er bemerkte zwischen den UFOs dunkle Gestalten von der Größe eines Menschen, die geschäftig umherliefen. Ein undefinierbares Brummen lag in der Luft und drang bis ins Wageninnere.
»Da sind ... sind das Aliens?«, stammelte Achim. »Oh Mann, was sollen wir denen sagen? Willkommen auf der Erde oder so?«
Kalter Schweiß lief Justus über den Rücken. Wäre es nicht besser gewesen, sich heimlich und unerkannt den fremden Wesen zu nähern, statt derart offensichtlich die Zufahrt zum Betriebshof der Autobahnmeisterei zu nehmen? Außer diesem gab es hier schließlich keine größere offene Fläche, auf der die Raumfahrzeuge hätten landen können. Doch eine fremde Macht hatte Besitz von ihm ergriffen und ließ ihn langsam weiterfahren.
Eine Gestalt löste sich von der Gruppe und kam auf sie zu!
»Justus! Tu was! Mach was! Dreh um!« Nackte Panik schwang in Achims Stimme.
Zu spät. Der Alien winkte mit einem seiner zwei Tentakel, und endlich fand Justus‘ Fuß das Bremspedal. Mit einem leichten Schlingern hielt der Wagen direkt neben der Gestalt an, die nun schnelle, kreisende Bewegungen mit der Extremität vollführte.
Zitternd und bestimmt nicht ganz freiwillig betätigte Justus den Knopf, der das Fenster herunterließ.
Der Alien trat näher. »Sie haben ja Nerven!«, brüllte er gegen den Lärm der Maschinen vor ihnen an ... in einwandfreiem, wenn auch leicht badisch gefärbtem Deutsch. »Können Sie nicht warten, bis wir geräumt haben?«
»Äh ...«
»Ja sorry, hat halt keiner mit rechnen können, wir sind ja keine Hellseher, oder?«, fuhr der Mann fort. »Jetzt bleiben Sie mal schön hier stehen und warten, bis die Jungs ihren Job machen können!«
Er wandte sich bereits zum Gehen, bis Justus seine Sprache wiederfand. »Warten Sie!« Hastig schnallte er sich ab und stieg aus, hinein ins Schneegestöber.
Eines der UFOs setzte sich in Bewegung, ein zweites folgte.
»Räumfahrzeuge ...« Justus traute seinen Augen kaum mehr als noch vor wenigen Minuten. »Scheiß Umlaute!« Nun, das mit dem Fernsehen und dem Time Magazine konnten sie sich abschminken. Jedoch ...
»Was gibt’s noch?« Der Mann von der Autobahnmeisterei hatte es sichtlich eilig.
»Ähm ... wir sind von der Presse ... Dürfen wir Fotos machen? Großeinsatz auf Deutschlands Autobahnen? Die Leser werden morgen bestimmt was zur Lage wissen wollen. Darf ich Ihnen ein paar Fragen stellen?«
»Von mir aus. Aber machen Sie schnell, wir haben zu tun!«
Der erste Schneepflug nahm geräuschvoll seine Arbeit auf und schaufelte auf dem Weg zur Autobahn mit beeindruckender Kraft die weiße Pracht zur Seite.